Der jährliche Wirtschaftsbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wird nicht zum Vergnügen gelesen. Er zeigt, wohin der Wind in der globalen Regulierung weht. Am Sonntag, dem 28. Juni, veröffentlichte die BIS – die Organisation, die 63 Zentralbanken koordiniert – ihren Bericht für 2026 auf der Generalversammlung in Basel. Eine zentrale Erkenntnis: Stablecoins sind kein Geld.
Die Argumentation basiert auf vier Kriterien. Einheitlichkeit: Eine Währungseinheit muss überall und jederzeit gleich sein. Elastizität: Die Geldmenge muss sich der Nachfrage anpassen, ohne Krisen zu verursachen. Funktionalität: Geld muss nahtlos in allen Transaktionskontexten funktionieren. Integrität: Das System muss vor Missbrauch geschützt sein. Laut BIS bestehen Stablecoins keinen dieser Tests. Die Autoren formulieren es klar: Digitale Dollar ähneln „ETF-Anteilen mehr als einem Zahlungsmittel“.
Der Markt ist nicht klein. Ende Mai betrug die Marktkapitalisierung von Stablecoins rund 320 Mrd. $, wobei über 99 % auf den Dollar entfielen – vor allem auf USDT und USDC. Letzte Woche überholte USDT erstmals in der Geschichte Ethereum nach Marktkapitalisierung. Die BIS erwartet, dass der Markt auf 1–3 Billionen $ wächst. Doch eigene Modellierungen zeigen: Selbst bei diesem Wachstum ist der mittelfristige Effekt auf das BIP leicht negativ. Höhere Bankfinanzierungskosten und geringere Kreditvergabe überwiegen mögliche Vorteile.
Der schärfste Abschnitt des Berichts widmet sich Schwellenländern. Die BIS führt den Begriff „Stablecoin-Dollarisierung“ ein: Wenn die nationale Währung instabil ist, wechseln Menschen zu USDT oder USDC als sicherere Sparform. Für Nutzer logisch, für Zentralbanken ein ernstes Problem: Geld verlässt das nationale System, die Geldpolitik verliert Einfluss, und die Kontrolle über die Geldmenge wandert faktisch zu privaten US-Emittenten.
Als Alternative fördert die BIS die Idee eines „einheitlichen Registers“ – einer Plattform, auf der tokenisierte Zentralbankreserven neben tokenisiertem kommerziellem Geld unter staatlicher Kontrolle koexistieren. Das ist keine Theorie mehr: Das Projekt Agora vereint 8 Zentralbanken, die BIS selbst und über 40 private Finanzinstitute, um grenzüberschreitende Zahlungen genau nach diesem Modell zu testen. Ziel ist es, die Vorteile der Blockchain zu nutzen, ohne die geldpolitische Kontrolle an private Akteure abzugeben.
Der Bericht erscheint zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die Branche. In den USA hat der Kongress weder den GENIUS Act noch den CLARITY Act verabschiedet – Gesetzentwürfe, die Stablecoins einen legalen Status verleihen sollten. In der EU ist die Hauptfrist für MiCA gerade abgelaufen. Tether und Circle betonen, dass ihre Produkte de facto bereits als Geld für Hunderte Millionen Menschen ohne Bankzugang fungieren. Das Argument ist nachvollziehbar. Doch nun haben Regulierungsbehörden weltweit die offizielle Position der wichtigsten internationalen Bankenaufsichtsbehörde – und solche Verweise haben Gewicht in legislativen Debatten.



