Noch im Juni hieß es, OpenAI bereite einen Börsengang mit einer Bewertung von einer Billion Dollar vor. Am Freitag setzte Sam Altman diesen Erwartungen selbst ein Ende — zumindest für das kommende Jahr. Auf die direkte Frage in einem Fortune-Interview, ob 2027 noch realistisch sei, antwortete er: 'Ich würde sagen, nicht 2026. Ja, wir haben noch viel zu tun.'
Die Begründung, die er lieferte, klang schärfer als die übliche Unternehmensausflucht: 'Angesichts all dessen, was gerade in Sachen Sicherheit passiert, wäre jetzt ein unklug gewählter Moment für einen Börsengang.' Es geht dabei nicht um die Zahlen des Unternehmens — die stimmen, und ChatGPT bleibt das bekannteste Produkt im KI-Wettlauf. Das eigentliche Problem, so Altman, liegt woanders: Ein Börsengang bedeutet Rechenschaftspflicht gegenüber Aktionären, und OpenAI müsse manchmal Entscheidungen treffen, die genau diesen Interessen zuwiderlaufen.
Genau für solche Fälle hat das Unternehmen seine ungewöhnliche Struktur beibehalten — eine gemeinnützige Organisation über einer gewinnorientierten Sparte. Solange OpenAI privat bleibt, kann der Vorstand etwa die Veröffentlichung eines Modells wegen zusätzlicher Sicherheitstests verschieben, ohne öffentlichen Aktionären die Auswirkungen auf den Quartalsumsatz erklären zu müssen. Altman räumte ein, dass intern sogar über eine Pause bei der Entwicklung der leistungsfähigsten Systeme diskutiert wurde — ein Schritt, der sich kaum mit dem Wachstumsdruck eines börsennotierten Unternehmens vereinbaren lässt.
Die Äußerung fällt in eine Zeit wachsender Unruhe in der gesamten Branche. Anthropic-Chef Dario Amodei rief kürzlich dazu auf, das Tempo im KI-Wettlauf zu drosseln, und einer seiner eigenen Forscher kündigte öffentlichkeitswirksam und kritisierte den Umgang beider Unternehmen mit Risiken. Altman stimmte Amodei offen zu — ein seltener Moment der Übereinstimmung zwischen zwei Rivalen, die hart um denselben Markt kämpfen und gemeinsam einräumen, dass die Entwicklung schneller voranschreitet, als sie sie selbst kontrollieren können.
Für den Markt bedeutet das mindestens ein weiteres Jahr ohne einen der meisterwarteten Börsengänge der Technikgeschichte. Für Konkurrenten wie Anthropic, die diesen Sommer ebenfalls IPO-Unterlagen eingereicht hat, nimmt Altmans Aussage etwas Druck, den eigenen Börsengang zu überstürzen. Und für Gesetzgeber, die zunehmend auf KI-Regeln drängen, klingen die Worte des OpenAI-Chefs eher wie ein Argument für Aufsicht als wie ein Versuch, ihr auszuweichen.



