Während die meisten KI-Konzerne öffentlich fordern, dass Washington schneller handelt, tat Anthropic seit Juni 2026 genau das Gegenteil: Das Unternehmen warb still bei Abgeordneten für einen eigenen Entwurf eines Bundesgesetzes zur KI-Sicherheit. Bekannt wurden die Details erst am 16. Oktober, als Politico die Geschichte aufdeckte.
Auf dem Papier klingt der Vorschlag eng gefasst. Washington dürfte die Freigabe eines Modells nur stoppen, wenn das Risiko "vorhersehbar und unmittelbar" ist: mehr als 50 Tote oder Schwerverletzte oder über eine Milliarde Dollar Schaden — und nur, wenn die Ursache Biowaffen, der Kontrollverlust über ein Modell oder ein Cyberangriff ist. Unabhängige, beim Handelsministerium registrierte Prüfer sollen die Bewertung vornehmen und haben 72 Stunden, um eine Gefahr zu melden, bevor das Ministerium vor einen Bundesrichter ziehen muss. Die Behörden selbst erhalten keine eigene Blockademacht.
Die Kritik kam gleichzeitig aus beiden politischen Lagern. Der kalifornische Senator Scott Wiener, Autor des Gesetzes SB 53, nannte den Entwurf unzureichend für den Schutz der öffentlichen Sicherheit: Er setze keine Mindeststandards für Sicherheitspläne oder Prüfer und entziehe den Gerichten der Bundesstaaten faktisch das Recht, ein gefährliches Modell im Notfall zu stoppen. Von der Gegenseite warnte der frühere KI-Berater des Weißen Hauses David Sacks, die Schadensschwelle sei so niedrig, dass sie fast das gesamte Silicon Valley, Startups eingeschlossen, in die Regulierung ziehen würde.
Am 18. Oktober räumte Anthony Cimino, Leiter der Bundespolitik-Abteilung von Anthropic, ein, die Formulierung zum Vorrang des Bundesrechts sei "nicht präzise genug" gewesen, und versprach eine Überarbeitung. Das beruhigte die Kritiker kaum — Nathan Calvin von Encode AI sagte, der Entwurf habe ihn "zutiefst wütend" gemacht, weil er den Gerichten der Bundesstaaten offenbar die Notfallbefugnisse entzieht.
Am 21. Oktober meldete sich schließlich CEO Dario Amodei selbst mit einem langen Beitrag auf X zu Wort, räumte Fehler des Unternehmens ein, bestand aber darauf, dass das Rennen um die fortschrittlichsten Fähigkeiten nicht der Sicherheitsmission widerspreche. Pikant dabei: Im Kongress liegt bereits ein überparteilicher Entwurf, der FRONTIER Act — und laut den meisten Beobachtern wirkt Anthropics eigene Version deutlich schwächer.


