Stellen Sie sich vor, Sie erfahren, dass eine Plattform Token auf die Aktien Ihres Unternehmens herausbringen will – ohne Sie vorher zu fragen. Genau das ist CoreWeave, Broadcom, Verizon und sechs weiteren US-börsennotierten Unternehmen passiert, als sie von den Plänen von OKXICE erfuhren. Alle neun haben formell widersprochen, ihre Aktien kommen also – zumindest über diesen Weg – nicht auf die neue Plattform.
OKXICE ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Krypto-Börse OKX und der Intercontinental Exchange, der Muttergesellschaft der NYSE. Am 17. September gewährte die SEC der Plattform eine fünfjährige Ausnahmeregelung, die den Handel mit tokenisierten Versionen US-amerikanischer Aktien erlaubt, ohne sich als vollwertige Börse registrieren zu müssen. Am 4. Oktober reichte OKXICE eine Liste von 63 Unternehmen ein, die tokenisiert werden sollten, darunter Nvidia, Apple, Microsoft und Walmart. Der Handel soll in geschlossenen Liquiditätspools auf X Layer, OKXs eigener Blockchain, stattfinden, wobei die Token an Stablecoins wie USDC, USDG und USDT gekoppelt sind. Die Teilnahme erfordert eine Identitätsprüfung und einen nicht übertragbaren "Soulbound"-Token, der wie ein digitaler Ausweis funktioniert.
Nach der SEC-Regel hat ein Unternehmen nach der Benachrichtigung 30 Tage Zeit für einen Widerspruch – genau das taten CoreWeave, Broadcom, Verizon, UnitedHealth, Cerebras Systems, AppLovin, Applied Digital, Rocket Lab und Applied Optoelectronics. Letzteres Unternehmen legte seine Gründe öffentlich dar: Es sei unklar, wie sich die Tokenisierung auf Aktienkurs, Liquidität und Volatilität auswirken würde, man fürchte Verwirrung bei Anlegern wegen eines Angebots, das man nie gesponsert oder gebilligt habe, und sehe keinen echten Nutzen für die Aktionäre.
Die Nasdaq ging noch weiter und zog sich komplett zurück – mit der Begründung, sie unterstütze keine Plattformen, die keine Echtzeit-Bestpreise anzeigen und ihre Trades nicht an das konsolidierte Kursband melden. Die Sorge von Citadel Securities reicht noch weiter: Der Market Maker warnt vor einem "Schatten"-Markt für US-Aktien – einem parallelen Handelssystem ohne die Transparenz und den Schutz traditioneller Börsen.
Aufhalten wird das die Idee insgesamt nicht. Der Markt für tokenisierte Aktien wuchs von 680 Millionen Dollar zu Jahresbeginn auf 3,5 Milliarden Dollar Mitte Oktober, und OKXICE will weiterhin Token auf Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Tesla, JPMorgan und Walmart ausgeben – sofern diese nicht ebenfalls fristgerecht widersprechen. Morgan Stanley bereitet sich bereits darauf vor, den Handel mit tokenisierten Aktien im ersten Quartal 2027 zu unterstützen. Die Frage ist nicht, ob dieser Markt entsteht, sondern wer entscheidet, welche Aktien darauf landen – die Unternehmen selbst oder Börsen, die einen Weg gefunden haben, ohne deren Zustimmung auszukommen.


