Im Februar 2025 trieb ein einziger Tweet von Javier Milei die Marktkapitalisierung des Tokens LIBRA auf 4,5 Milliarden Dollar — Stunden später waren 95% davon wieder verschwunden. Anderthalb Jahre Ermittlungen endeten am Freitag: Der argentinische Bundesrichter Marcelo Martínez de Giorgi stellte das Strafverfahren gegen den Präsidenten, seine Schwester Karina und neun weitere Personen ein.
In einem 60-seitigen Urteil kam der Richter zu dem Schluss, es gebe keinen "strafrechtlich relevanten Betrug". Dass ein Präsident einen Token über seinen eigenen Account bewirbt, mache daraus nicht automatisch ein Betrugssystem, schrieb er — heftige Kursschwankungen seien bei Memecoins schlicht normal. Keiner der elf Beschuldigten machte formelle Angaben. Auf dem Handy eines Mitbeschuldigten fanden Ermittler einen Vermerk über 5 Millionen Dollar, konnten aber nicht beweisen, dass das Geld tatsächlich floss — gelöschte Nachrichten und Anrufprotokolle blieben unzugänglich.
Die Geschichte war von Anfang an brisant. Nach Mileis Post vom 14. Februar 2025 zogen die Wallets des Projekts innerhalb von Stunden 107 Millionen Dollar ab, während der Token noch nahe seinem Höchststand notierte. Für Anleger, die auf die Welle der präsidialen Unterstützung aufgesprungen waren, sah das nach einem klassischen Rug Pull aus — nur dass diesmal das Staatsoberhaupt selbst beworben hatte.
Milei bezeichnete das Urteil als Beweis dafür, dass alles politisch motivierte Verfolgung gewesen sei. Der Oppositionsabgeordnete Maximiliano Ferraro nannte es "eine geplante juristische Vertuschungs- und Straflosigkeitsoperation". Fünf zuvor aus dem Verfahren ausgeschlossene Anleger beantragen jetzt beim Bundeskassationsgericht ihre Wiederaufnahme — der einzige verbleibende Weg zu einer Berufung.
Hinter der juristischen Sprache steckt eine einfachere Frage: Was passiert, wenn ein amtierendes Staatsoberhaupt einen Vermögenswert bewirbt, der binnen Stunden kollabiert. Argentiniens Antwort lautet vorerst: nichts — solange kein direkter Beweis für Absprachen vorliegt. Ein unangenehmer Präzedenzfall auch für andere Länder: Die öffentliche Unterstützung eines Präsidenten für einen Token reicht allein nicht für eine strafrechtliche Verantwortung, selbst wenn Anleger Hunderte Millionen verlieren.


