Vor gerade einmal einem Jahr wirkte RedotPay wie ein bequemer Partner für Binance — das Unternehmen gab kryptogebundene Karten aus, die Kunden direkt über Binance Pay aufladen konnten. Jetzt macht die Börse aus diesem Partner einen Beklagten und reicht in Hongkong und Singapur Klagen über insgesamt 470 Millionen Dollar ein.
Der Vorwurf ist auf dem Papier einfach, finanziell aber schmerzhaft. Binance behauptet, RedotPay habe eine im März 2025 geschlossene Partnerschaftsvereinbarung genutzt, um heimlich mehr als 470.000 Binance-Nutzer auf eigene Kartenprodukte umzuleiten und dabei gegen die Bedingungen für Aufladungen über Binance Pay verstoßen. Rund 304 Millionen Dollar an Kundengeldern sollen über diesen Kanal geflossen sein. Binance bezifferte den Wert jedes abgeworbenen Nutzers auf 925 Dollar erwarteten Lebenszeitumsatz, woraus sich eine Gesamtforderung von 472,8 Millionen Dollar ergibt.
Es ist nicht das erste Mal, dass diese Beziehung eskaliert. Eine frühere Vereinbarung aus dem Jahr 2023 scheiterte binnen sechs Monaten aus fast identischen Gründen — Binance vermutete schon damals, dass seine Zahlungsschienen zur Finanzierung der Karten eines Konkurrenten genutzt wurden. Die Vereinbarung vom März 2025 sollte das beheben, doch laut Binance setzte sich dasselbe Muster fort, und das volle Ausmaß wurde erst Anfang 2026 entdeckt, woraufhin die Partnerschaft im April beendet wurde.
Der Zeitpunkt könnte für RedotPay kaum ungünstiger sein. Das Unternehmen, das sich selbst als weltgrößten Emittenten stablecoin-gestützter Karten mit mehr als 8 Millionen Nutzern und 14 Milliarden Dollar jährlichem Zahlungsvolumen bezeichnet, bereitet einen Börsengang in den USA vor — mit einer angepeilten Bewertung von über 4 Milliarden Dollar und einem Emissionsvolumen von mehr als 1 Milliarde Dollar, JPMorgan, Goldman Sachs und Jefferies sind bereits eingebunden. Eine halbe Milliarde Dollar schwere Klage kurz vor dem Listing ist keine Schlagzeile, die Konsortialbanken gerne sehen.
RedotPay wies die Vorwürfe zurück und kündigte an, sich "energisch zu verteidigen"; der Fall werde das Tagesgeschäft nicht beeinträchtigen. Die Anhörung im Singapur-Verfahren ist bereits für diesen Freitag angesetzt, weitere Details zur Beweislage beider Seiten könnten also bald folgen.



