Polymarket hat gerade den direkten Zugang zu einem seiner größten europäischen Publikum verloren. Am 16. Juli unterzeichnete der Chef der französischen Glücksspielaufsicht ANJ eine Anordnung, die alle Internetanbieter des Landes zur Sperrung der Plattform-Website verpflichtet. Berichten zufolge ist dies das erste Mal, dass eine europäische Aufsichtsbehörde einen großen Prognosemarkt mit einer Domain-Sperre auf Netzwerkebene belegt, statt nur Zahlungen zu blockieren.
Der Streit begann bereits im November 2024, als französische Behörden Banken und Zahlungsdienstleistern untersagten, Überweisungen an Polymarket abzuwickeln. Die Idee: Ohne Geldfluss würde das lokale Interesse erlahmen. Das ging nicht auf — die Plattform akzeptiert Krypto-Einzahlungen, sodass Nutzer das Bankensystem einfach umgingen. Laut ANJ verzeichneten französische IP-Adressen allein im vergangenen Monat 578.751 Besuche der Seite — der Traffic ist also gestiegen, nicht gesunken.
Die Begründung der Behörde ist unmissverständlich: Werbung für oder Zugänglichmachung einer nicht lizenzierten Wettseite ist nach französischem Recht eine Straftat, egal ob klassischer Buchmacher oder blockchainbasierter Prognosemarkt. Die ANJ verweist auf Manipulationsrisiken und einen Vorfall im April, bei dem der nationale Wetterdienst Météo-France angeblich gehackt wurde, um Daten für Wetten auf Wetterdaten zu verfälschen. Anbietern, die die Sperre ignorieren, drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro.
Der Zeitpunkt ist für Polymarket unangenehm. Reuters schätzt den annualisierten Umsatz der Plattform auf über 1 Milliarde Dollar — gleichzeitig steckt sie in mehreren Insiderhandel-Skandalen in den USA, darunter ein Soldat, dem vorgeworfen wird, mit geheimen Informationen mehr als 400.000 Dollar verdient zu haben, sowie ein Mitarbeiter des Weißen Hauses, der wegen Wetten auf den Inhalt einer Trump-Rede suspendiert wurde. Spanien hatte Polymarket und Kalshi bereits im Mai vorübergehend gesperrt, Deutschland und Italien schränken den Zugang mit ähnlichen Mitteln ein, und die US-Aufsicht CFTC veröffentlichte im Juni einen Regelentwurf für Prognosemärkte.
Für Polymarket allein ist das kein tödlicher Schlag — ein VPN umgeht eine Domain-Sperre leicht, und viele Nutzer werden weiterhin einen Weg finden. Aber der Präzedenzfall zählt. Sollten weitere EU-Regulierer statt Zahlungsverboten zu Netzwerksperren greifen, könnte der legale Spielraum für Prognosemärkte in Europa rasch schrumpfen — ausgerechnet in dem Moment, in dem die USA ihnen einen regulierten Wachstumspfad eröffnen.



